Sonntag, 5. August 2007

Prenzlauer Berg

Berlin, Sonntag. Sonniger Morgen. Ich hatte große Lust aufzubrechen, in die Rolle des Touris zu schlüpfen und das zu tun, was oft zu kurz kommt, wenn man in einer Stadt wohnt: die täglichen Wege verlassen, etwas Neues betrachten. Nicht nur die Zugezogenen, sondern auch die in Berlin geborenen meines Bekanntenkreises haben meist weniger von der Stadt gesehen als der Durchschnitts-Tori nach seinem „Drei-Tage-Aufenthalt“. Beim Frühstück der Blick in meine Reise- und Kulinarienführer. Eine kleine Route am Prenzlauer Berg zusammengestellt.


Sonne und in den Ohren das Bernd Reincke Quintett: luftig leichte Linien des Hamburger Baritonsaxophonisten. Klare Hardbop-Kompositionen mit einer Prise Raffinesse, hier und da unerwartete Wendungen, eine auffallende Phrasierung. Sehr entspannt, aber akkurat. Für mich ein wenig, wie nach hause zu kommen. Genau das richtige um in den Tag zu starten.
Von der S-Bahn eingesammelt. Erinnert an Terry Hoax' "Hate Clean Train".


Potsdamer Platz, 9:50h, Stille. Ein paar versprengte Leute. Keine Autos. Die Hitze flimmert bereits über der leeren Straße. Ein Hauch von Kaffee liegt in der Luft. Vom abendlichen Betrieb nichts zu spüren und keine Spuren. Im U-Bahnhof eine Familie, die Frau fragt mich freundlich aber bereits leicht verzweifelt, ob die U5 denn hier noch irgendwann komme; sie wollten zum Alex und es käme immer nur die U2.
Rosa-Luxemburg Platz, 10.15h. Eher ruhiger Anblick. Kaum Leute zu sehen. Bäckereitüten in den Armen. Noch Heimkehrende. Ein paar ältere Herren um und auf eine Bank drapiert, teils stehend, teils sitzend. Auf Gehstöcke gestützt und ins Gespräch vertieft. Kollwitzplatz, die ersten Frühstückenden, eher Familien, aber auch hier Ruhe.


Gegen 10.45h kommt ein wenig Leben in den Prenzlauer Berg. Sunday-fathers, Weekend-Mothers in Kleidung, die teilweise ihrer Alltags-Geschäftskleidung nicht sehr fern zu sein scheint – oder meinen Vorurteilen davon. Anzüge, Hemd-Stoffhose aber ohne Krawatte, Kostüme und Hosenanzüge; ein paar Kleider. Großeltern dabei. Die Kaffeekultur haben sie trotz allem nicht verloren. Überall Leute, Familien, Grüppchen oder Paare im Sonnenschein, das Croissant in der Linken, den Milchkaffee in der Rechten, die Zeit weit hinter sich.
Sind meine BesucherInnen in der Regel völlig verwundert, das Berlin abseits der Hauptstraßen zumindest leidlich grün ist und außerdem fast keinen Verkehr hat, so bin ich an diesem Morgen verwundert, wie wenig los ist und mit welcher Hingabe der Hedonie eines Sonntag morgens gefrönt werden kann. Im hellsten Tageslicht abseits eines kommenden Morgens. Einfach Sein. Wahrscheinlich muss man Berlin einfach lieben. Und wenn auch nur für diese Momente.


Kastanienallee, 12h. Cafés gefüllt. Frühstückende überall. Flaneure und Flaneurinnen. In der Seitenstraße ein wunderbarer Ort, der frische Obstshakes, leckere und auch gerne üppige Frühstücke anbietet. Selbstgemachte Torten von der Nachbarin. Neben mir ein Werbefilmer und eine Regieassistentin, beide nicht sicher, wo ihre Leben hingehen sollen.


Später, zurück in Schöneberg. Abseits des beim Verlassen beginnenden Trubels um den Prenzlauer Berg. Ruhe in der Sonne auf dem Dachgarten. Auch mir fehlte die Ahnung, wo es mit meinem Leben hingehen sollte. Die nächste Stunde aber besser nirgendwo hin. Und vielleicht auch nicht sofort fort aus Berlin.