Da nicht nur die Liebe ist "was es ist" (Fried), sondern auch das Leben so daher kommt, ohne unser eigenes Zutun (auch wenn wir in der Regel wirklich unser Bestes geben, um einer offenen, freien Erfahrung zu entgehen), werde ich auch so beginnen wie es ist: zwar nicht mit der Idee (auch über die wird sicher noch gesprochen), sondern mittendrin:
gestern Abend, 19.30h, beim Abwaschen. Ich hatte eine CD eingelegt, die kurz zu vor zu mir gefunden hatte. Meine Freundin hatte sie von einer Arbeitskollegin. Diese Arbeitskollegin hatte bei einem Versand Wein bestellt und diese CD als Präsent bekommen. Leider wurde sie damit in eine jazz-lose Familie geschickt. So wanderte sie originalverpackt zu meiner Freundin, denn ich habe in meinem weiteren Umfeld doch den Ruf zunächst einmal seltsame Musik zu hören (ja, auch das Hubschrauber-Streichquartett von Stockhausen) und außerdem einen beständigen Hunger nach Jazz zu haben. Womit diese CD sich wieder dem Leben näher befand als dem Tod.
Als ich an diesem Nachmittag nach Hause kam, wurde mir die CD mit obiger Geschichte von meiner Freundin überreicht -- auch ihre Musik war es nicht. Verschiedene Urteile von ihr über diese CD beinhalteten "schleppend, aber dennoch enervierend", "Ich KANN Jazz hören, aber das ist die Art ohne Struktur"...
Mit diesem Voreindruck (meine Freundin mag vielleicht keine Jazz-Liebhaberin sein, aber auch in musikalischer Hinsicht lege ich auf ihre Urteile wert) fing nun also das Küchenradio an.
Ein paar Klavierakkorde. Eine leise Andeutug einer Melodie: Ein traurig hinzustoßendes Flügelhorn. Kontrabaß. Langsam, nein entspannt beginnt der Song dahinzufließen. Der Baß wandert, Chords, die das Thema dezent betont unterlegen und darüber das Flügelhorn -- der Kopf möchte gemütlich wippen. Die Soli wechseln unaufgeregt -- Klavier, Flügelhorn, Baß -- man treibt dahin. Ich denke an sonnige Felder, eine Landschaft mit sanften gründen Hügeln, gleichzeitig an einen dunklen, verrauchten Jazzkeller & drei Herren, die durch die Dunstschwaden "after (many) hours" ihre Musik an das Publikum bringen wollen... der Schlagzeuger war bereits wund gespielt... nur noch wenige Leute im Raum...
Später sollte ich im Werbebooklet lesen: "Schon nach zwanzig Sekunden sind wir weit weg. Liegen weich gebettet auf einem locker dahinziehenden Kumuluswolken-Teppich aus Klavierakkorden und schauen in den abendblauen Himmel". Nicht meine Assoziationen, aber gewisse Parallelen sind erkennbar...
Beim zweiten Stück ergfreift die Sängerin das Wort. "Nature Boy", keine einfache Nummer; für mich ruft es sofort Aziza Mustafa Zadehs Version auf "Jazziza" wach, unglaublich groovend; oder Nat King Cole...
Aber hier kommt eine Stimme, irgendwo zwischen Whiskey und weichstem Samt (Achtung: keine Whiskey-Stimme, sondern WIE Whiskey: klar, betont, nicht vibratoschwankend-unschlüssig); ich nehme ihr ab, was sie singt: "the greatest thing is to love and be loved in return".
Und so fließt die CD weiter dahin. Niemals gehetzt, aber dennoch hatte ich das Gefühl, daß die MusikerInnen bei jedem gespielten Ton wirklich dabei waren. Aber bitte nicht verwechseln mit "kein groove"! Ich finde wenig so anspruchsvoll wie Midtempo-Jazz zu spielen, ohne Spannung aufzugeben oder zu verlieren. Bei einer Eigenkomposition von Michael Neff ("Akasha") zeigen sie auch, daß sie mit den gewöhnlichen Werzeugen des Groove umzugehen wissen. Selbst "Besame Mucho" läßt sich zum zweimillionsten Mal anhören (Dank "Oye como va"-Anleihe). Wichtig ist, daß das Klavier eine prominente Rolle über die ganze CD hinweg einnimmt -- da sollte man drauf stehen...
Spannend ist die ständige Gratwanderung zur Gefälligkeit. Sie liegen immer gerade so ein Stückchen auf der anderen Seite, was das Hören interessant hält. Und daß sie sich dieser Gratwanderung bewußt sind, zeigen die Soli bei einer weiteren Michael Neff-Komposition, "In Trouble". Der einzige Nachteil der CD: es ist nicht umwerfend einfallsreich arrangiert; keine Offenbarung in dieser Hinsicht. Eher ein gutes altes Stück Handwerksarbeit, auf das sich die Anfertigenden verstanden und das man gerne zu einem guten Wein in der Stube stehen hat. Ich hatte sofort Lust mein Geschirrtuch beiseite zu legen und mit einzusteigen. Schade, daß es keine Session war...
1 Kommentare:
Hallo
Herzlichen Dank für diese "CD-Rezension"!! Es war für mich sehr interessant, dies zu lesen!
Falls Du noch an weiterer Musik dieser Band interessiert bist empfehle ich die neueste CD "Kickin", Hörbeispiele auf www.michael-neff.ch
Viele Grüsse, Michael
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