[27.11.2008] Es erinnerte etwas an den Palace Hotel Ballroom bei den Blues Brothers: neben Stuck an der Decke und einem schön gemusterten Teppich als Tapete an den Wänden, wirkte das Kasino Wittlich wie ein Überbleibsel aus einer anderen Zeit. Tagen, die vielleicht nicht besser waren, aber mehr Wert auf Ausschmückung legten. Vielleicht der richtige Ort, um in diese tage zurückzureisen. Auf dem Programm stand das Cedar Walton Quartett mit Javon Jackson (ts), David Williams (b), Alvin Queen (dr) und natürlich Cedar Walton (pn).
Nach einer charmanten, leicht selbstironischen Ansage von Mr Walton begann das Konzert mit "Cedar's Blues", was bei mir alte Erinnerungen weckte, da es lange das Startstück einer Combo war, in der ich mehrere Jahre spielte. Passend zum Interieur war der Beginn des Konzertes eine Lektion in stage-politeness: schön abgegrenzte Soli, nach dem Lead von Cedar Walton jeder einmal, trading-12's mit dem Schlagzeuger. Insgesamt fein.
Doch die Probleme, die den Abend etwas lang werden ließen, zeichneten sich auch hier schon ab. Cedar Waltons Klavierspiel, obwohl gelenkig, schnell und feinfühlig, nahm jedes der präsentierten Stück von einem sehr ähnlichen Ende her. Schreibt Joachim Ernst Berendt davon, dass ein konstituierendes Merkmal des Jazz nicht allein die Improvisation, sondern die klare, unverwechselbare Interpretation durch einen Musiker ist, so war dies fast fehlend: wenigstens 40 Jahre Pianointerpretation durch eine Vielzahl von Interpreten lasteten schwer auf Waltons Klavierspiel, dem das Unverwechselbare, der Drive und ein Ziel zu fehlen schienen.
Ähnlich verhielt es sich mit den Soli von Javon Jackson. Obwohl auch er mit einem sehr offenen, warmen Tenorsound und eine akkurate Technik eine deutliche Bühnenpräsenz erreichte, fehlte seinen Soli eine Richtung und vor allem Intensität. Ich gewann über den Verlauf des Abends mehr und mehr den Eindruck, dass beide (Walton & Jackson) nicht wirklich in das involviert waren, was sie taten. Lediglich die letzten beiden Stücke des abends zeigten einen Hauch des Galnzes des Hardbop, den ich erwartet hatte: zweimal packten sie die unbändige Kraft in ihren Soli aus.
Für diesen Teil des Abends und der Band hätte man mir vielleicht vorwerfen können, dass es etwas blauäugig gewesen sein könnte, von einer in Jahren gestandenen Band (Walton ist nun auch schon 74 und Jackson mit 43 Jahren der jüngste der Band) vor einem in Jahren ebenso gestandenen Publikum ein berauschendes Fest, eine Wiedergeburt der Hardbop-Zeiten oder gar Erleuchtung durch Neues zu erwarten. Lügen strafte einen dann aber die andere Hälfte des Quartetts.
David Williams spielte einen soliden, harten Kontrabass, der der Band ein unumstößliches Fundament verlieh. Seine Begleitung war je nach Stück deutlich variiert und alleine fast melodiös. In seinen Soli bemühte er sich zwischen Intensität und einfallsreichen Zitaten eine deutliche Variation zu erreichen.
Geradezu von einem inneren Feuer beseelt und getrieben wirkte Alvin Queen hinter seinem Schlagzeug. Negativ formuliert könnte ich sagen, dass er mit seinem Spiel den Rest der Band zudeckte und eine Entwicklung fast unterdrückte. Unter 100% gab es keinen Moment bei ihm. Eine schier nicht abnehmende Fülle von Kicks und Betonungen, Fills und Rolls in die Soli der anderen einwerfend (durchweg nicht aufgenommen durch die anderen Musiker), auf rhythmische Figuren eingehend, treibend und die anderen bei ihren Soli durch Grunzer und Ausrufe anstachelnd schien er allerdings den Kampf um die Momente des Höhenflugs nicht aufgegeben zu haben. Zumindest in seinen Soli und tradings konnte er durchstarten, die Fesseln des Rests der Band ablegen.
Kein Anschluß an die alten Tage, keine wirklich neue Sache -- von dem, was sich derzeit so auf meinem Plattenteller dreht empfehle ich ein gemütliches Anhören oder gar Tanzen und ekstatisches Zucken zu "Somtehin' Else" von Cannonball Adderley.
[13.10.2008] Dass dieses Blog auch eine Suche nach dem Jazz in mir ist, ob Jazz überhaupt meine Musik ist, wurde mir schmerzlich bewußt, als ich Ende September zu recherchieren begann, welches Jazz-Konzert ich in London besuchen würde, wo ich ein paar Tage Urlaub machte. Ich stieß dabei auf Christian Scott, der mir einfach kein Begriff war. Trotz Grammy-Nominierung. Und all dem Hype, den es um solche "junge Wilde" immer wieder gibt. Stand ich auf dem Jazz-Schlauch?
Der Auftritt im Pizza Express/Soho war dann allerdings eines der besten Konzerte, die ich seit langem besuchte. Auch wenn die Musiker stellenweise sehr heraushängen ließen, wie besonders cool sie waren und wie leicht ihnen dieses Auftreten vor einem essenden Publikum fiel, wie besonders unbeeindruckt sie von der Auftritssituation waren, so waren sie bei ihrem Spiel doch völlig da. Von der ersten bis zur letzten Vibration ihrer Instrumente eines Stückes war zu spüren, dass sie ganz genau darauf hörten, was sie selber taten, was die anderen taten und wie das ein gemeinsames Ganzes entwickeln könnte. Daraus entwickelte sich eine Intensität und Atmosphäre, die die Musik unvergesslich macht. Wahrscheinlich etwas, dass ich besser nie auf CD hören sollte. Danke.